Trulla24's Blog

Vergessen

Posted in einfach mal so by trulla24 on 7. April 2010

Sie sitzt hier und redet. Redet ohne Unterlass. Immer wieder die selben Sätze.
„Schwester, das Fenster ist offen. Schwester, das Fenster ist offen. Oh wei, oh wei, helfen Sie mir. Schwester, das Fenster ist offen…“
So geht es unentwegt.
„Schwester, helfen Sie mir. Ich habe Durst. Schwester, helfen Sie mir, ich habe Durst.“
Frau K. leidet unter Alzheimer. Derzeitig befindet sie sich wohl auf dem Übergang von Phase II in Phase III. Sie hat noch ihren Willen, äußert ihn um ihn aber direkt wieder zu vergessen. Und sie äußert ihn wieder und wieder und wieder.
Mit struppigen Haaren sitzt sie in ihrem Stuhl. Hilflos schaut sie mich an und das, was ich sehe, ist fern von Ästhetik. Ihr Gesicht hat sich irgendwie aufgelöst, es hat keine Haltung mehr. Und mit einem dumpfen Blick schaut sie mich an, sieht mir nach, beobachtet meine Tätigkeit und spricht: „Schwester, ich habe Hunger. Schwester, ich habe Hunger. Bitte helfen Sie mir. Schwester! Ich habe Hunger.“
Immer wieder dieser Satz. Dabei hatte ich ihr eben einen leckeren Pfannekuchen auf den Teller gelegt, ihn klein geschnitten und ihr dazu Tee gereicht.
„Schwester, helfen Sie mir. Ich habe Hunger.“
Ihr Teller ist leer. Sie hat schon ihren Pfannekuchen. Also lege ich ihr einen zweiten auf.
„Danke Schwester! Danke Schwester, dass Sie mir geholfen haben.“
Gierig ist sie ihren zweiten Speckpfannekuchen. Und in Windeseile ist der Teller leer.
„Schwester, ich habe Hunger. Schwester, ich habe Hunger. Bitte helfen Sie mir. Schwester! Ich habe Hunger.“
Wieder ihre monotone Stimme.
„Schwester, ich habe Hunger. Schwester, ich habe Hunger. Bitte helfen Sie mir. Schwester! Ich habe Hunger.“
Ich muss auf ihre „Linie“ achten. Zuviel darf sie nicht, also lege ich ihr noch einen weiteren halben Pfannekuchen auf den Teller.
„Danke Schwester! Danke Schwester, dass Sie mir geholfen haben.“
Und ehe ich mich versehe, ist auch diese Hälfte aufgegessen.
Nun habe ich keinen Pfannekuchen mehr für sie. Die Schüssel ist leer.
„Schwester, ich habe Hunger. Schwester, ich habe Hunger. Bitte helfen Sie mir. Schwester! Ich habe Hunger.“
Wieder diese Aufforderung. Inzwischen läuft ihr Seiber aus den Mundwinkeln.
„Schwester, ich habe Durst. Schwester, ich habe Durst. Bitte helfen Sie mir. Schwester! Ich habe Durst.“
Durst! Sie hat immer Durst. Am Tag trinkt sie zwischen 3-4 Liter. Und immer hat sie Durst.
Das Ergebnis ist, dass sie auch nachts auf die Toilette will. Und obwohl ihr Toilettenstuhl am Bett steht, will sie ins Bad, stolpert, fällt, verletzt sich.
Es liegt kein Beschluss vor, dass sie im Bett zu fixieren ist. Und so haben wir beschlossen, ihr ab dem späteren Nachmittag weniger zu trinken zu geben. Damit sie eben nachts nicht mehr aufsteht und fällt.

„Schwester, ich habe Durst. Schwester, ich habe Durst. Bitte helfen Sie mir. Schwester! Ich habe Durst.“
„Nein, meine Liebe“, antworte ich. „Sie haben schon genug getrunken. Außerdem ist der Tee alle“.
„Schwester, ich habe Durst. Schwester, ich habe Durst. Bitte helfen Sie mir. Schwester! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser!“

Sie vergisst das eben Gesagte. Sie vergisst, dass sie schon gegessen hat. Sie vergisst, dass sie schon getrunken hat. Also immer wieder:
„Schwester, ich habe Durst. Schwester, ich habe Durst. Bitte helfen Sie mir. Schwester! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser!“

Und auswändig gelernt wiederhole ich wieder meine Antwort.
„Sie haben doch schon eben getrunken. Nun ist es genug.“
Die Liste zeigt mir, dass sie schon knapp 2.8 Liter zu sich genommen hat. 500ml mehr, als ihr Tages-Soll ist, aber etwa ein Liter weniger, als sie sonst zu trinken gewohnt ist.

Nein, sie hat keine Diabetes. Das wurde gemessen. Sie vergisst nur, dass sie schon getrunken hat. Das Durstgefühl ist noch da. Und sie vergisst, dass sie schon gegessen hat, denn der Hunger ist noch da. Sie ist auf ihrem Weg von Phase II in die Phase III der Alzheimer Erkrankung. Eine Phase, die eine enorme Belastung für die Umsorgenden darstellt. Es sind kaum noch „sinnvolle“ Unterhaltungen möglich.

Aber wenigstens haben die Angehörigen endlich ein Fotoalbum aus vergangenen Tagen mitgebracht. Mit Bildern, die sie (hoffentlich) da abholen, wo sie sich derzeitig befindet. Und sie haben eine Puppe mitgebracht, von der sie meinten, dass diese ihr helfen würde, noch hier zu bleiben. Die Puppe aber interessiert sie nicht mehr, dazu ist die Puppe zu neu.

„Schwester, ich habe Durst. Schwester, ich habe Durst. Bitte helfen Sie mir. Schwester! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser!“

Ich drehe mich zu ihr um und sehe, wie sie ihre Serviette zerreißt, zusammenrollt und in den Mund steckt.

„Nein!“ rufe ich, eile zu ihr, nehme das Stück aus ihrem Mund und lege es beiseite.

„Schwester, ich habe Durst. Schwester, ich habe Durst. Bitte helfen Sie mir. Schwester! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser!“

„Nein, Sie haben schon gegessen. Und Sie haben schon getrunken. Und das reichlich.“

Und mit ihrem wirren Blick schaut sie mich an und wiederholt erneut:

„Schwester, ich habe Durst. Schwester, ich habe Durst. Bitte helfen Sie mir. Schwester! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser! Ich habe Durst. Dann geben Sie mir Saft oder Wasser!“

Ich fange an zu hoffen, dass ihr allabendliches Beruhigungsmittel allmählich anfängt zu wirken, wobei ich auch „Panik“ vor der Wirkung habe, die da ist, dass sie auf dem Stuhl einschläft, den Kopf nach hinten geneigt, mit extremer Speichelbildung, die sich auf ihrem Lätzchen ergießt. Trotz des nach hinten geneigten Kopfes läuft dann alles aus ihrem Mund.

Und nun ist es soweit. Sie schläft. Nicht im Bett, sondern in ihrem Stuhl. Und ich überlege, wie ich sie nun auf die Toilette bekomme….. denn der Toilettendrang, auch Kontinenztraining genannt, muss, will und soll noch trainiert werden. Und ich weiß, dass wenn wir zurück aus dem Bad kommen, sie in ihrem Bett liegen wird und mantraartig ein und den selben Satz wiederholen wird:

„Schwester, helfen Sie mir. Ich will auf Toilette. Bitte helfen SIe mir, ich will auf Toilette. Schwester, helfen Sie mir. Ich will auf Toilette. Bitte helfen SIe mir, ich will auf Toilette. …“

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