Trulla24's Blog

Bitte lächeln – Zweiter Teil

Posted in fiktiver Unbekannter, Geschrappsel by trulla24 on 23. Januar 2010

Der fiktive Unbekannte blickt mich an. Irgendwie habe ich das unbestimmte Gefühl, dass er gerade versucht, meine Gedanken zu lesen.
„Nein, das tu ich nicht.“ sagt er leise.
„Was tun Sie nicht?“
„Ihre Gedanken lesen.“
„Also doch. Woher sonst wissen Sie, was ich gerade denke!“ sage ich verletzt. Ich fühle mich überwacht, kontrolliert und entmündigt.
„Ich seh das Ihnen an. Dazu ist Ihr Gesichtsausdruck einfach zu vielsagend. Aber das ist es nicht, worüber ich mit Ihnen sprechen möchte.“
„Sondern?“ frage ich leise.

„Haben Sie schon mal daran gedacht, eine Ausbildung zu machen? Vielleicht sollten Sie doch einfach mal einen anderen Weg versuchen, bei dem Sie gegebenfalls noch profitieren.“
„Eine Ausbildung?“ Daran hatte ich noch nicht gedacht. Irgendwie scheint mir dieser Vorschlag aber einfach zu abwegig. Und ich verspüre auch keine Hoffnung, dass sich dieser Vorschlag umsetzen lässt.
„Ich weiß, was Sie gerne machen würden. Ja, das weiß ich“ Der fiktive Unbekannte lächelt mich sanft an, was mich überrascht. Bisher kam er mir immer sehr aggressiv vor, unwillig und bösartig. Aber dieses Lächeln lässt ihn in einem ganz anderen Licht erscheinen.
„Also können Sie doch meine Gedanken lesen. “ setze ich wieder an.
„Frau Trulla, ich kenne Sie einfach zu lang. Wie gesagt, man kann es aus Ihrem Gesicht lesen, was Sie denken.“
„Die Idee hat schon was, aber ich weiß nicht…“ resigniert spiele ich mit meinen Fingern. Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Eine Ausbildung? Zu welchem Beruf? Wer würde mir in meinem Alter denn noch eine Ausbildung anbieten? Wo finde ich „Gleichgesinnte“, die mir mit Rat zur Seite stehen?
„Nun, Sie könnten doch diesbezüglich mal mit Ihrer Kundenberaterin im Arbeitsamt sprechen und hören, was sie dazu sagt. Vielleicht kann sie Ihnen ja mit dem einen oder anderen Ausbildungsangebot unter die Arme greifen. Allerdings bewerben müssten Sie sich dann schon selbst.“
„Mit meiner Kundenberaterin sprechen?“ Ich zucke mit den Schultern und schüttle leise den Kopf. „Das wird nichts bringen. Die Kundenberater verwalten doch nur. Bis heute hatte ich drei Termine dort, und jedesmal schauten die dann da nach, wo ich auch immer suche, auf der Stellenbörse der Arbeitsagentur. Und dann bekomme ich zwei Angebote ausgedruckt, mit der Aufforderung mich dort zu bewerben, was dann auch festgehalten wird. Glauben Sie wirklich, dass ich auf eine solche Frage nach „Ausbildung“ eine entsprechende Antwort bekomme?“
„Versuchen Sie es doch einfach mal. Ich kann nicht in die Zukunft sehen.“ Der fiktive Unbekannte legt mir seine Hand auf den Arm. „Frau Trulla, mehr als NEIN sagen können die nicht. Versuchen Sie es doch mal.“
Mit den Worten „Okay, ich lasse es auf einen Versuch ankommen.“ steh ich auf, verlasse das Wohnzimmer und setze mich an meinen Rechner. Warum mache ich es, einfach so, ohne Widerstand? Warum folge ich jetzt einfach so seinen Worten? Bin ich schon so demotiviert, dass ich das mache, was mir irgendjemand empfiehlt, nur in der Hoffnung, endlich wieder eine Arbeit zu finden?

(Fortsetzung folgt)

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