Trulla24's Blog

Intro

Posted in fiktiver Unbekannter, Geschrappsel by trulla24 on 20. Januar 2010

Heute ist Waschtag, eine der wenigen spannenden Abwechslungen in meiner alltäglichen Langeweile. Es ist gegen 11 Uhr und ich bin grad dabei, die Schmutzwäsche für die Waschmaschine zu sortieren, als es an der Haustür klingelt. Erst einmal, dann nochmal und dann im Dauerton. Ein wütendes Hundegebell begleitet das schrille Klingeln..

„Einen Moment!“ rufe ich entnervt. „Ich komme ja schon!“ und schmeiße dabei die eine rote Socke auf den Haufen mit der weißen 60 °C Wäsche. „Das ist wichtig,“ denke ich mir und rase die Kellertreppe nach oben. „Das muss wichtig sein! Hoffentlich ist nix passiert!“

Im Flur steht mein „noch-drei-Eckzähne-Hund“, wütend die Haustür ankläffend, und durch die Glasscheibe erkenne ich die Silhouette einer Männergestalt. Er scheint dick und dünn, lang und kurz, blond, kahlköpfig, bärtig, mit glattem Gesicht. Verwundert betrachte ich ihn mir und egal welche Perspektive ich einnehme, er verändert sein Erscheinungsbild. Nur eines bleibt – sein Finger auf der Klingel und mein wütend bellender Hund. Zaghaft öffne ich die Tür, aber nur so weit, dass meine Nase durchpasst.

„Ja, bitte?“ frag ich ihn.
„Frau Trulla?“
„Ja.. warum?“
„Sind Sie Frau Trulla?“
„Ja, sagte ich ja schon. Das bin ich. Wer sind Sie? Was wollen Sie?“
„Darf ich mich Ihnen vorstellen? Ich bin…“ und ehe er den Satz beenden kann, schlage ich mit einem „Danke, hab schon!“ die Tür zu.
„… der fiktive Unbekannte, von nun an Ihr Alter-Ego“. Seine Stimme kommt von hinter mir.

Erschrocken dreh ich mich um und seh im Treppenhaus diese nebulöse Gestalt, wie sie mir ihre Hand zur Begrüßung reicht.

„Wie sind Sie hierein gekommen?“ schrei ich ihn an. „Machen Sie sofort, dass Sie rauskommen. Sonst rufe ich die Polizei!“ und greife nach dem Telefon, das an meinem Hosenbund hängt.

Lächelnd schaut er mich an. „Machen Sie ruhig. Rufen Sie die Polizei, wenn Sie wegen Irreführung der Ordnungskräfte unbedingt eine Anzeige haben wollen. Ich bin nämlich gar nicht real, gar nicht und doch wieder da.“ Und seine Worte hallen aus dem Briefkasten. „Sehen Sie, ich bin gar nicht dahaaaa“

Krampfhaft überlege ich, welche Medikamente ich am Morgen eingenommen hatte, ob da neue bei waren oder eine Überdosierung vorliegt. Ich muss einer Halluzination unterliegen. Ich seh schon Gespenster. Wahnvorstellung! Ich werde verrückt!

Panisch schnappe ich mir meinen Hund, renne in meine Wohnung und knall die Haustür hinter mir zu. Schnell atmend lausche ich in das Treppenhaus, keinen Ton mehr hörend. Tief atme ich ein und aus und beruhigt wie auch in der Annahme, lediglich einen kurzen mentalen wie auch intellektuellen Black-Out erlebt zu haben, drehe ich mich um und sehe diesen Mann an meinem Esstisch sitzen. Vor Entsetzen und Panik fange ich an, hysterisch zu schreien.

„Frau Trulla, nun beruhigen Sie sich doch. Ich tu Ihnen nichts, auch wenn ich von nun an hin und wieder bei Ihnen überraschend vorbei schau.“ Seine Stimme erklingt ganz nah an meinem rechten Ohr und aus dem Augenwinkel seh ich, wie er sich neben mir aufbaut. So ganz langsam, von den Schuhsohlen über seine Knie zu seinem Bauch, dann der Brustkorb und dann der Kopf.

Er legt seine Hand auf meine Schulter.

„Was, um Himmels Willen, sind Sie?“ presse ich mit meiner letzten Atemkraft hervor. „Was wollen Sie? Geld? Mein Leben? Meinen Hund?“ Ich habe das Gefühl, jeden Augenblick in Ohnmacht fallen zu müssen. Mein Herz schlägt mir schon im Hals, es rast, es stolpert.

„Sagte ich es Ihnen nicht schon? Ich bin der fiktive Unbekannte, Ihr Alter-Ego. Wir werden die nächste Zeit viel miteinander zu tun haben. Und ich wollte nur höflich sein und mich Ihnen schon mal vorstellen, damit wir beide es einfacher miteinander haben.“

„Mein Alter-Ego? Mein fiktiver Unbekannter? Bitte?“ Kurzatmig starre ich ihn an.

„Na, Frau Trulla. Wir haben Sie schon seit geraumer Zeit beobachtet und mussten dabei feststellen, dass Sie immer öfter Selbstgespräche führen. Wohl, weil Ihnen inzwischen die verständnisvollen Freunde ausgegangen sind. Und da beschloss unser Rat…“

„Unser Rat?“ wiederhole ich seine Worte.

„Ja, unser Rat, Ihnen einen Gesprächspartner zukommen zu lassen. Eine fiktive Gestalt, die hin und wieder bei Ihnen auftaucht und sich mit Ihnen unterhält. Wir wollen doch nicht, dass Sie gänzlich vereinsamen, das liegt gar nicht in unserem Interesse.“

„Moment,“ unterbrech ich seinen Redefluß. „Heißt das, dass ich von nun an eine multiple Persönlichkeit bin? Dass ich künftig einen neben mir gehen habe? So was wie ein unsichtbares Kaninchen oder ein sprechendes Pferd?“

„Ja, daran dachte unser Rat auch zuerst, Ihren Hund reden zu lassen. Aber dann fiel uns auf, wie sehr das Tier doch an Ihnen hängt und sicherlich deshalb allen Ihren Gedanken und Überlegungen zustimmt. Und das darf nicht sein. Also fiel das Los auf mich. Von nun an bin ich Ihr Schicksal und Ihr Begleiter, und glauben Sie mir, gerne mache ich diesen Job nicht.“

„Hallo?? Darf ich da auch noch ein Wörtchen mitreden?“

„Nein, Frau Trulla. Das dürfen Sie nicht mehr. Die Entscheidung ist seit heute früh 8 Uhr final. Sie hätten sich das früher überlegen müssen. Und Zeit genug, Einspruch gegen die Entscheidung des Rates einzulegen, hatten Sie allemal. Nun ist es zu spät. Je schneller Sie sich damit abfinden, umso einfacher wird es für uns beide. Für mich auf jeden Fall ist es schon jetzt eine Qual.“

„Wenn es eine Qual für Sie ist, dann machen Sie den Job doch nicht!“ blaffe ich ihn an. „Verschwinden Sie einfach! Husch! Weg!“ und mit einer Handbewegung versuche ich, ihn von mir abzuwischen.

„Frau Trulla, an sich macht der Job mir ungemein viel Spaß. Nur – Sie sind es, die mir die Qual bereiten. So einfach ist es.“ Dabei betont er das „Sie“ so, dass ich mich auf einmal mies fühle, so richtig mies. Da habe ich mir wohl jetzt einen fiktiven Unbekannten eingehandelt, der schon jetzt keine Lust mehr hat, sich mit mir abzugeben. Mittlerweile liegt er auf meinem Sofa und reckelt sich lasziv.

„Gemütlich ist dieses Teil aber nicht. Wie können Sie darauf nur Ihren Mittagsschlaf halten?“ Und mit diesen Worten steht er wieder vor mir.

„Und wie lange werden Sie bleiben?“ frage ich ihn resigniert.

„Solange, wie ich es will. Solange, bis unser Gespräch vorbei ist. Solange, bis ich von Ihnen genug habe.“ Mit einem aufgesetzten Lachen schaut er mir in die Augen. „Und wissen Sie was, Frau Trulla? Ich habe jetzt erstmal genug. Wir sehen uns.“ Und mit diesen Worten geht er zu meiner Wohnungstür hinaus, die leise hinter ihm ins Schloss fällt.

Es ist mit einem mal ganz still in meiner Wohnung. Ganz still. Und meine Knie geben nach. Ich sacke auf den Boden und überlege, ob das, was ich eben erlebt hatte, real war oder nur ein Hirngespinst. Es dauert eine Zeit, bis ich die Kraft habe, mich wieder aufzurichten. Da klingelt das Telefon, ich geh mit meinem bekannten „Ja?“ dran.

„Kuckuck!“ höre ich seine Stimme. „Ich bin’s! Wollte nur mal hören, wie’s Ihnen jetzt so geht?“

Und da wird mir schlagartig klar, dass ich von nun an ein Problem habe, dem ich mich stellen muss, wenn ich überleben will. Aber was ist dieses Problem mit dem fiktiven Unbekannten im Vergleich zu meinen anderen Problemen? Schlimmer als die kann er doch nicht sein, denke ich mir so, mit noch einem kleinen Rest an Optimismus.

(Fortsetzung folgt)

Advertisements
Tagged with:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: