Trulla24's Blog

Fad

Posted in fiktiver Unbekannter, Geschrappsel by trulla24 on 20. Januar 2010

Gerade bin ich dabei, mir meine zweite Tasse Kaffee zum Frühstück einzuschenken, als ich ein Räuspern und ein Zeitungsrascheln höre.

„Na, haben Sie sich heute schon den Stellenmarkt angesehen?“ fragt mich der fiktive Unbekannte mit seiner dunklen Stimme. „Nein, habe ich noch nicht, aber mach ich nachher noch..“ antworte ich ihm mit vollem Mund.

„Haben Sie überhaupt noch Lust, sich zu bewerben, oder warum lassen Sie sich soviel Zeit?“ Streng schaut er mich an. „Wieso Zeit lassen?“ frage ich genervt zurück. „Glauben Sie wirklich, die warten auf mich?“

„Na, wenigstens können Sie es weiter versuchen. Bewerben Sie sich endlich!“ und mit diesen Worten, schon etwas lauter ausgesprochen, knallt er mir den mittwöchlichen Stellenmarkt meiner Tageszeitung auf den Frühstücksteller.

„Ich bewerbe mich doch am laufenden Band.“ antworte ich ihm auf seinen Vorwurf mit beinahe rechtfertigendem Tonfall. Auf einmal fühle ich mich mies, irgendwie faul und nichtstuerisch, wie ein Parasit, der nur vom Geld anderer lebt. „Das tu ich doch! Nur, mich will keiner anscheinend.“

„Dann überprüfen Sie gefälligst Ihre Bewerbungsunterlagen auf Vollständigkeit und Korrektheit. Anleitungen gibt es dazu im Internet zuhauff.“ Wütend starrt er mich an.

„Wen soll ich denn noch bitten, ein Auge auf meine Unterlagen zu werfen?“ Ich werde laut. „Drei unabhängig von einander und mehr als kompetente Personen, erfahren im Personalmanagement und Mitarbeiterführung, haben daran mitgearbeitet. Ihre Verbesserungen habe ich eingearbeitet. Und jeder von denen gab ganz eindeutig zu verstehen, dass ich gute Qualitäten und Referenzen habe, sie aber erstaunt sind, dass mich keine/r will. Also hören Sie endlich auf, mir vorzuhalten, dass ich nichts unternehme!“ Biestig schmeiße ich mein angebissenes Marmelade-Knäckebrot auf den Tisch. Es landet, logischerweise, mit der Marmeladenseite auf dem Set.

„Offensichtlich unternehmen Sie aber nicht genug! Sonst wären Sie schon längst in Lohn und Brot!“ blafft der fiktive Unbekannte zurück. „Kann es sein, dass Sie Ihre Ansprüche zu hoch ansetzen? Dass Sie einfach zu viel verdienen wollen?“

„Häää? Wie meinen?“ Vor Fassungslosigkeit fällt mir die Kinnlade runter. „Jetzt spinnen Sie aber etwas. Was soll denn an der Formulierung „in meinen Gehaltsvorstellungen richte ich mich nach dem in Ihrem Haus üblichen Rahmen“ überhöht sein?“

Irritiert schaut mich der Unbekannte an. Sein Gesicht bekommt sowas wie Schlieren. Er schluckt und überlegt.

„Haben Sie sich schon in Ihrem Bekanntenkreis umgehört? Netzwerk, das ist das Stichwort! So funktioniert das heute! Sie müssen sich vernetzen!“ Wie ein trotziges Kind, das meint, immer Recht bekommen zu müssen, knallt er mit seiner Faust auf den Tisch.

„Vernetzt bin ich. Gefragt habe ich auch schon und ich weiß, dass meine Freunde sich auch schon längst für mich umhören. Aber es gibt zur Zeit keine Arbeit. Also hören Sie auf, mir Vorhaltungen zu machen und mir vorzuwerfen, ich sei faul!“ Zornig nehme ich die Zeitung und knalle sie ihm vor die Nase. „100 Bewerbungen in etwa sechs Monaten, durchschnittlich 33 Bewerbungen pro Monat! Meinen Sie nicht, dass das Engagement genug ist?“

„Offensichtlich ist das nicht genug! Das ist ja wohl klar.“ schnauzt er zurück. „Wäre es genug, dann stünden Sie schon längst in Lohn und Brot. Also hören Sie auf, sich andauernd auf irgendwelche Argumente zurückzuziehen.“

„Ich ziehe mich auf Argumente zurück?“ Allmählich steigt mir die Galle hoch. Bauchschmerzen machen sich in mir breit, Übelkeit steigt auf. „Ich bin ja schon froh, wenn ich eine Absage erhalte. Das ist wenigstens schon eine Reaktion auf mein Engagement. Die meisten Arbeitgeber antworten heute doch schon gar nicht mehr, bestätigen noch nicht mal den Eingang der Bewerbung.“

„Dann rufen Sie da an und erkundigen sich! Ist das so schwer?“

„Ich rufe an und bekomme meist immer die gleiche Antwort: Wir arbeiten dran, wir werten später aus, Sie bekommen Bescheid, wir sind schon im Einladungsprozedere… Was soll ich noch machen?“

„Suchen Sie Arbeit oder ich?“ fragt mich der fiktive Unbekannte zurück. „Also strengen Sie sich an!“

Im Hintergrund höre ich die aktuelle Bundestagsdebatte und die allgemein besetzten Begriffe wie „Leistung“, „es muss sich wieder lohnen“ und so weiter. Und ich höre, wie der fiktive Unbekannte sich aufrichtet, eine Zigarette ansteckt und zur Haustür geht, die leise hinter ihm ins Schloss fällt.

Zornig und genervt nehme ich die Zeitung auf und lese den Stellenmarkt durch, wissend, mir damit weitere Absagen einzuhandeln.

(Fortsetzung folgt)

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